sozialpalast
Das Kunstprojekt sozialpalast 2006, 2007, 2008, 2009, 2010 Genre-übergreifend! Darstellende Kunst, Musik, Videokunst und Rauminstallation. Expertenmeinungen und Interviews Prof. Timm Ulrichs, Münster, Hannover, 20.11.07 Die Künstlergruppe Sozialpalast, im Kern bestehend aus Erik Biembacher und Andreas Gräupel, aber von Fall zu Fall erweitert durch zusätzliche Mitarbeiter, hat sich in den beiden letzten Jahren ein großes Publikum verschafft durch immens aufwendige, aber stets höchst beeindruckende Veranstaltungen, die zu klassifizieren ...
Das Kunstprojekt sozialpalast 2006, 2007, 2008, 2009, 2010
Genre-übergreifend! Darstellende Kunst, Musik, Videokunst und Rauminstallation.
Expertenmeinungen und Interviews
Prof. Timm Ulrichs, Münster, Hannover, 20.11.07
Die Künstlergruppe Sozialpalast, im Kern bestehend aus Erik Biembacher und Andreas Gräupel, aber von Fall zu Fall erweitert durch zusätzliche Mitarbeiter, hat sich in den beiden letzten Jahren ein großes Publikum verschafft durch immens aufwendige, aber stets höchst beeindruckende Veranstaltungen, die zu klassifizieren schwer fällt: Es sind dies multimediale Aufführungen gewesen mit und zwischen den Gattungen Theater, Musik, Poesie, Installation usw., usf.. Das eine Medium steigert das andere, der eine Performer stimuliert weitere Mitspieler; ja, es waren Manifestationen eines totalen Theaters, wie das in den festen Häusern sich zeigende, nach festgelegten Abläufen und Programmen sich produzierende „Stadttheater“ sie womöglich anstrebt, aber kaum je erreicht. Gewiss, der „Sozialpalast“ kennt auch Spielregeln, vorskizzierte Bühnenbilder und natürlich ausgewählte Akteure, lässt sich aber gern situationistisch auf überraschende Improvisationen ein.
Eine umfassende Präsentation fand in großem Rahmen im August 2006 in den Osmo Hallen ehemaligen Industrieanlagen am münsterschen Stadthafen statt; das Publikum (bei freiem Eintritt!) allabendlich bestens unterhalten durch Wandelkonzerte verschiedener Musikgruppen, aber ebenso durch skulpturale Inszenierungen des Raums mit Möbeln aller Art und nicht zuletzt die Bar.
Im Sommer 2007, zeitlich parallel zu den skulptur projekten münster, hatte ich Gelegenheit, im Areal des Bahnhofs von Münster eine weiteres Großprojekt des Sozialpalastes mitzuerleben, und auch hier zeigte sich, dass der Gruppenname zugleich Programm ist, und dies auf ganz unerwartete Art und Weise: Die Musiker und Autoren realisierten ihre Stücke in für die Besucher unzugänglichen Übungsräumen, und diese Aufführungen wurden als Live Übertragungen nach außen projeziert. Das ergab eine seltsame, irritierende Atmosphäre, da die Akteure ohne Zuschauer und hörer auftraten und das Publikum nicht sicher sein konnte, nicht durch Bild und Tonkonserven düpiert zu werden. Das war für alle Beteiligten eine spannende, neue Erfahrung, weit über den Unterhaltungs und Kunstwert der einzelnen Aufführungen hinaus.
Aufbauend auf diesen sehr umfangreichen Demonstrationen ihrer Auffassungen eines theatralen und skulpturalen Musikgeschehens, planen Erik Biembacher und Andreas Gräupel für 2008 eine erneute große Präsentation: An zwölf Wochenenden soll ein Camping oder Wohnwagen auf dem Berliner Platz vor dem münsterschen Hauptbahnhof geparkt werden; auch diesmal werden die Darsteller und Performer etwas zur Aufführung bringen, aber auch hier wird dem Zuschauer die direkte Betrachtung und Teilnahme verweigert. Was immer sich im Wageninneren an mehr oder weniger intimen Szenen abspielen wird, es dringt nicht unmittelbar an die Öffentlichkeit, sondern nur vermittelt, nämlich per Video Projektion auf die Wände des Wohnwagens; der gleichzeitig zur Leinwand mutiert. Einerseits erscheint durch die filmische Projektion die (jeweilige) Bedeutung gesteigert, zugleich aber ins Fiktive entrückt. Das wiederum gestattet eine andere Wahrnehmung selbst alltäglichster Handlungen eine raffinierte, mehrfache Brechung und Verfremdung, die das Geschehen in ein neues (filmisches) Licht setzt. Der Bahnhofsplatz als ungemein öffentlicher Raum wird mit einer Insel der Privatheit konfrontiert, was, wie ich denke, die Lebenssphären auf ungewöhnlichste kollidieren lässt. Innen und Außen, öffentlich und privat, Kunst und Nicht Kunst: hier wird ein Treffpunkt gegeben sein, der außerordentlich vielversprechend ist.
Ich bin sehr gespannt auf die Einlösung des Konzepts und möchte die Künstler sehr gern und nachdrücklich unterstützten.
Timm Ulrichs, Münster, 20.11.07
Prof. Norbert Nowotsch, Münster, 23.11.2007
Die Arbeiten der Gruppe Sozialpalast sind insgesamt als performative Interventionen im Raum zu verstehen, wobei sie gleichzeitig mit dem Prinzip des wechselseitigen Zeigens und Verbergens spielen. Die Platzierung aller drei bisherigen Projekte in Bahnhofsnähe, bzw. im Hafen verweist zudem auf eine Transitsituation, die sowohl für den Ort wie auch für die Aktion selber gilt.
In ihrer Mehrdeutigkeit können sie vom Publikum sowohl als Ganzes wie auch als Teil wahrgenommen werden, dabei unterstützt der gezielt genutzte Unterhaltungswert den Zugang.
Wie die Gruppe in ihrer Eigendarstellung zu dem geplanten Projekt schreibt, verstehen sie das primär wahrnehmbare Objekt, einen Wohnwagen, gleichzeitig als Kunstobjekt und als sonderbare Bühne für Musik und darstellende Kunst. Das Innenleben des Wagens soll mittels Handkamera und Videotechnik fürs Publikum nach außen, in den öffentlich-urbanen Raum projeziert und somit erst deutlich gemacht werden.
Dabei wird auch die Frage nach der umfassenden Präsenz und der kommunikativen oder nichtkommunikativen Position der Medien gestellt, die hier zwar Mittler der Inhalte sind, gleichzeitig aber auch in künstlichen Räumen, fernab vom wirklichen Leben, als mediales Leben selbst inszenieren.
Während in den vorherigen Arbeiten der Gruppe vorhandene architektonische Räume genutzt oder umgenutzt wurden, installieren sie diesmal mit einen Ikone der mobilen Wohnung ihren Bühnenraum selbst. Die dadurch entstehende Begrenzung der bespielbaren Bühne wird eine eigene Herausforderung an die beteiligten Darsteller und Musiker.
In der klaren Strategie der Fortführung zeigt sich sowohl künstlerische Stringenz wie auch das Potential zur Weiterentwicklung der Idee.
Das angestrebte Projekt ist als ein Beitrag zur temporären kreativen Bespielung öffentlicher Räume zu verstehen, welches gleichzeitig Öffentlichkeit erzeugt und die angewandten Verfahren ebenso wie die vermittelten Inhalte zur Diskussion stellt.
N. Nowotsch, Münster, 23.11.2007
Interview per E-Mail
Mit Tom Liwa, Duisburg, Oktober 2008
Frage: Tom, Du willst beim Kunstprojekt sozialpalast-mobil 2009 in Duisburg als Gastmusiker in den Wohnwagen steigen. Manche Menschen werden bei sehr weiten Räumen plötzlich ohnmächtig, andere können enge Räume nicht ertragen. Was trifft bei Dir zu, oder anders gefragt, hast Du eigentlich Campingerfahrung?
Tom Liwa: ich hab wenn überhaupt eher ein höhenangst-problem. in Nähe distanz bin ich ganz gut
mittlerweile. und camping ? nicht wirklich, aber ich hab schon in vollgepackten kleinwagen übernachtet
oder in schränken geschlafen... mit viel liebe und vertrauen geht sowas alles ;-)
Frage: Ja, mit Liebe geht auch Nähe, oder anders gesagt, gibt es mit Liebe keine Enge.
Im Wohnwagen ist das Publikum ja außen vor, dadurch ist es ein bisschen von Bühne und Proberaum
gleichzeitig. Wie beeinflusst Dich denn das Publikum, wenn Du auf der Bühne spielst? Was ist dort
anders als im Proberaum?
Tom Liwa: es ist ein anderer punkt im prozess. wenn ich zuhause oder sonstwo alleine spiele und
schreibe, bereite ich im grunde ja genau das vor : den moment, in dem ich meine musik anderen
menschen zum geschenk machen darf. in der stillen kammer ist es katharsis und dann draussen im
idealfall ein fest.
Frage: Du kennst die beiden Musiker des Alma Church Choir bereits von anderen Auftritten. Was für ein
Draht besteht zwischen euch als Musiker und Menschen?
Tom Liwa: wir haben uns in luxemburg kennengelernt, ohne grosses vorwissen, und waren spontan
sehr angetan von einander. im grunde ist das noch sehr frisch und man kann gar nicht soviel darüber
sagen. aber ich hab große hoffnungen, was zukünftige zusammenarbeiten angeht. die almas sind sehr
nett und sehr, sehr talentiert.
Frage: Was siehst Du in der Installation und der Verknüpfung von Musik und Kunstraum als Bühne.
Glaubst Du es gibt einen Unterschied zu anderen Auftritten?
Tom Liwa: Im Idealfall entsteht ja immer ein Kunstraum DURCH einen auftritt. manchmal muss man es
ein bißchen lenken. und wenn der idealfall dann so richtig ideal läuft, heben sich all diese kriterien von
alleine auf und wir haben es ganz einfach mit authentizität zu tun. das ist, denke ich, das ziel...
Frage: Klar, sobald Kunst anwesend ist schafft sie auch mehr oder weniger den Raum. Gibt es DEINEN
energetischen Bühnenauftritt, bzw. welchen Auftritt erinnerst du bisher am meisten?
Tom Liwa: es gibt so abende, an denen einfach alles funktioniert...und das merkt dann auch das
publikum. dabei spielt es auch keine rolle, wieviel oder wenig menschen dabei sind. 2005 war ich eine
tour lang mit naema faika und thomas hoeveler unterwegs - unter dem namen fuehler. ich hab gespielt
und gesungen, die beiden haben sich bewegt, naema zu der zeit mit neunmonatsbauch. das war -
zumindest für mich - energetisch was völlig neues und hatte viele höhepunkte.
aber auch solo und mit bandbegleitung gibt es immer wieder magische tage...
Frage: Alle Projekt-Beteiligten kommen aus der Region, oder haben dort eine Zeit lang gewohnt. Die
Kunstreise geht also für alle irgendwie auch durch die alte Heimat. Du kommst aus Duisburg. Was ist
das für eine Stadt, und was glaubst Du, hat allein der Name sozialpalast mit ihr zu tun?
Tom Liwa: schon eine familie ist etwas enorm schwieriges. jeder versuch, darüber hinaus menschen in
sogenannten sozialen zusammenhängen zu organisieren ist meines erachtens ein irrtum. und das wird
natürlich in städten deutlicher als irgendwo sonst. klar hab ich heimatgefühle aber die hängen vor
allem daran, wie zu einer bestimmten zeit im jahr bei uns der himmel aussieht und woanders eben
nicht.
Frage: Interessant, dass Du dann in einer Stadt lebst, deren Grossraum in Deutschland vermutlich am
meisten verändert und misshandelt wurde. Das Zusammenfliessen von Rhein-Ruhr-Emscher hatte
ökologisch ja mal ziemlich viel schlimmes an der Backe. Heute wird wieder viel renaturiert, wodurch
Wildnis von Stadt, und Stadt von Wildnis durchzogen wird. Insgesamt ist das Ruhrgebiet eine Megacity,
gleichzeitig ist es oft eine Dorfstrasse, oder eine große Industriebrache. Was glaubst Du, macht das mit
den Menschen, die dort leben, anders als in einer Region wie etwa Mannheim oder Münster-Münsterland?
Tom Liwa: ich hab mir duisburg ja nicht im eigentlichen sinne ausgesucht- ich hab es angenommen
und bin dann viel weg und immer wieder hergekommen.
das mit der megacity haben sich ja kokser in werbeagenturen ausgedacht. in wirklichkeit will ja immer
noch kein dortmunder mit nem duisburger in einen topf geworfen werden- dafür sorgt schon allein der
fussball. und was diese gegensätze mit den leuten machen ? na, im besten fall machen sie sie schlau.
Frage: Ganz schnell- wo ist Dein Lieblingsort in Duisburg?
Tom Liwa: eine versteckte lichtung im wald, nahe der sechs-seen-platte. mit toten baumriesen und
sumpfanteil.
Frage: Ganz schnell- wo ist Dein Lieblingsort im Landschaftspark Duisburg-Nord?
Tom Liwa: im grunde die gegend um den lernbauernhof herum. so bin ich halt. aber auch einige der
ruinen. je ruinierter, desto besser...
Frage: Kennst Du die Stelle im Landschaftspark, wo Du in den Urwald schauen kannst? Das ist ein
kleines Bruchgebiet, das sich seit 50jahren unberührt entwickeln konnte. Im Landschaftspark gehen
Eisen und Erde ja wieder eine Verbindung ein. Eine Rückentwicklung. Ruinen sind Bauwerke, die wieder
zurück zum Boden fließen, je nach Witterung und Abriss schneller oder langsamer. Der Wohnwagen
verdeutlicht 'stehen und wegfließen' innerhalb von einem Abend. das ist im Vergleich zur Ruine eine
sehr schnelle Zeitraffa. An welcher Stelle im Landschaftspark wäre diese Analogie für dich am
deutlichsten?
Tom Liwa: schwer zu sagen. stehen und wegfliessen ist so ein großes bild...und doch passiert es ja
überall. es müsste der ort sein, an dem zeit am deutlichsten spürbar ist. denn vor meinem inneren
auge sah ich bei deiner frage den wohnwagen im zeitraffer unter schnellen wolken, sternenhimmel und
wechselndem wetter. da ist die urwald-stelle schon nicht schlecht- dann aber unbedingt im
panoramablick...
Frage: sozialpalast-mobil steht auch auf der Mühlenweide in Ruhrort. Das ist direkt am Rhein. Welchen
Fensterplatz bevorzugst Du im Wohnwagen, den Blick flussaufwärts, oder den Blick flussabwärts?
Tom Liwa: abwärts, also nach norden. aus ganz vielen gründen und der archaischste ist
'hin zum meer '!
Frage: Wenn Hamburg das Tor zur Welt ist, ist Duisburg der Fußabtreter - Es sammelt sich also viel
Dreck dort, es gibt aber auch sehr viele unterschiedliche und interessante Gerüche und Mischungen.
Der Rhein riecht meist immer noch nach Phosphat. In Rotterdam riechst du schon das Salz der
Nordsee. Mit einem Wohnwagen willst du eigentlich immer weiterfahren. Wie erlebst Du selbst die
Spannung zwischen dem Reisen und dem Bleiben in Deinem eigenen Leben?
Tom Liwa: lange jahre hab ich mich immer wieder sagen hören, wie sehr ich beides brauche- die basis
zuhause und das immer neue festhalten und loslassen unterwegs. jetzt ist mein leben durch neue
umstände an einen punkt gekommen, an dem zuhause kein ort sondern nurmehr ein zustand ist. in
momenten fühlt sich das bodenlos an- in anderen tut sich das innere königreich auf und ich bin
zutiefst glücklich.
Tom Liwa, Duisburg, Oktober 2008
Ekimas im email-Interview, Mitte mai 2009
> knapp zwei Wochen nach dem Ermöbel-Auftritt im sozialpalast-Wohnwagen in
> Oberhausen, zum Auftritt selbst, zu den Erdmöbeln und zu Fragen über Gott
> und die Welt.
>>
Frage:
> Camping und Segeln ist eigentlich die unbequemste Art des Reisens, sagt
> man. Welche Art des Reisens bevorzugst Du selbst. Und was hat das mit
> Deiner Wahrnehmung von Musik zu tun?
Ich campe tatsächlich. Aber lieber im zelt. Der grund ist: ich verdufte gern, bevors brenzlich wird. Dummerweise
verpasse ich immer den moment, wo der nachbar zutraulich wird und sich als ganz o.k. herausstellt, oder ist das
vielleicht auch ganz gut so? ich weiß es nicht, denn ich war immer schon wieder woanders.
>>
Frage:
> Beim sozialpalast-Auftritt in Oberhausen habt Ihr einen alten
> DDR-Wohnwagen bespielt. Euer Bandname kommt ebenfalls aus der DDR und
> steht für das Wort 'Sarg'. War diese Bühne anders als andere Bühnen? Oder
> anders gefragt: Gab es für Euch während des Auftritts den Eindruck im
> richtigen Space zu sein?
Ja, es war gut, denn die enge und die merkwürdige beschallungsidee zwang uns wieder einmal völlig
umzudenken. Ähnliches hatten wir schon mal, als wir in einem recht großen club fast ohne anlage gespielt haben.
Das ist die form von extremer reibung, die wir bei der musikalischen arbeit brauchen und immer wieder auch
selbst und bewusst herbeiführen. Der wohnwagen klang noch besser als geplant und passte wunderbar zu uns.
>>
Frage:
> Johann König hat während der Anmoderation Eures sozialpalast-Auftritts das
> Publikum aufgefordert an den Wohnwagen heranzutreten, durch die Fenster zu
> schauen, und mit einem Lippenstifft rote Herzen zu malen, in den Sand. Was
> bewegt Euch als Band mehr, die Sehnsucht, die Wehmut, die Freude oder
> beides?
Alles drei.
>>
Frage:
> Erdmöbel haben, wenn man so will, etwas mit Trauer zu tun. 'Das letzte
> Bett hat einen Deckel', sagt man auch. Wollt Ihr mit Eurer Musik etwas
> zumachen oder eher etwas aufmachen?
Ach, der sarg sagt uns so recht überhaupt nichts. Wir heißen „erdmöbel“ so wie andere „beatles“ heißen. Findet
ja auch niemand albern, weil ja keiner mehr drüber nachdenkt, was das soll.
>>
Frage:
> Du musst beim Campen mit sehr wenig Platz auskommen, und dich auf das
> Nötigste beschränken. Das Weglassen ist oft reicher als das Hinzufügen.
> Wie habt Ihr Euch auf das Spiel im sozialpalast-Wohnwagen eingestellt, der
> nochmal sehr viel kleiner ist, als die meisten anderen Camper?
Minimalstes instrumentarium, so leise wies geht, nicht bewegen.
>>
Frage:
> Die Beatles sind ja wegen der Erleuchtung nach Indien gegangen, und haben
> vor allem die Kreativität gefunden. Aus welchem Grund sind die Erdmöbel
> damals nach Köln gezogen, und worin seid Ihr bisher fündig geworden?
Wir wollten großstadt, eher zu viel redende mitmenschen und rheinischen frohsinn für unseren alltag. Die
kreativität ist kein alltag aber kommt dann ganz von allein. Die beatles haben sehr viel früher im leben als wir
verstanden, dass stillstand und unnötige wiederholungen die reine qual sind. Leider waren sie so erfolgreich,
dass nach 8 jahren der spaß vorbei war und sie in rente gehen mussten. Uns gibt’s schon 14 jahre und kein ende
in sicht.
Was ich sagen will und das ist eine ernsthafte kritik an meiner geliebten heimatstadt:
Münster hat ungeheures potential, ist aber ab einem bestimmten zeitpunkt eine stillstehende stadt. Künstler
müssen sie verlassen!
>>
Frage:
> In Oberhausen waren mit Euch die Elektranten und Johann König im
> sozialpalast. Alle Beteiligten arbeiten bewusst deutschsprachig, und wir
> hatten gewissermassen einen richtig deutschen Abend. Im Pop erlebt diese
> Sprache hierzulande wieder mal eine Renaissance. Wie bewertest Du die
> eigene Arbeit mit dieser Sprache, was transportiert sie für Dich, und wie
> beobachtest Du Kollegen in dieser Frage?
Ich beobachte niemanden, mit dem ich nicht arbeite…
Mich beschäftigt auch, was den text angeht nicht, dass er deutsch ist sondern viel mehr die frage, ob er gut ist, d.
h. als kunstwerk funktioniert. Denn ich finde es seit jahrzehnten normal, dass man seine muttersprache bemüht,
wenn es um die wurst geht.
>>
Frage:
> Du hast in Münster mal in der sezenebekannten Gartenstrassen-WG, Haus-Nr.
> 22, unten, links, gewohnt. Mitlerweile ist die Wohnung wegen eines
> Haus-Schimmels unbewohnbar, und die letzte Auszugsparty hat dort im
> Winter08 längst stattgefunden. Viele Leute trauern der Vergangenheit nach,
> weil sie sich in der Gegenwart unwohl fühlen. Wonach trauerst Du mehr, der
> Vergangenheit, der Zukunft, oder trauerst du eher gar nicht?
Ich trauere nicht und schon gar nicht den alten zeiten nach. Die wg war grässlich, obwohl dort alle damals für
mich wichtigen menschen der reihe nach gewohnt haben. Ich erinnere mich an 2 tolle parties, bei denen wir nach
dem genuss von pernot-cola die küche geschrottet haben. Sonst nur fehlerhafte telefonabrechnungen,
katastrphale hygiene, zank und streit. Und alle hatten 100 watt gitarrenverstärker… aarrrg!
>>
Frage:
> Leider war der Auftritt in Oberhausen etwas verregnet, wie das hierzulande
> so oft passiert, beim Urlaub auf dem Campingplatz. Aber vieleicht gerade
> wegen dieser Regen-Stimmung sah es manchmal so aus, als würde der
> Wohnwagen langsam fahren. Ohne viele Signale von aussen ist Euer Spiel
> innen vieleicht noch stimmiger - wurde draussen überlegt. Wie war es
> drinnen?
Nun, wir waren isoliert und mussten uns unser publikum vorstellen. Fiel mir leicht und markus schwer.
>>
Frage:
> Kinder spielen manchmal mit irgendwelchen Gegenständen 'Auto', im Sinne
> von 'Ich bewege selbst'. Mit welchem Gegenstand würdest Du losfahren
> wollen, wenn Du ihn selbst bewegen könntest?
Ich bewege mich nur noch horizontal… nee, quatsch. Ich fahre so selten auto, dass ich genau das im urlaub sehr
genieße.
>>
Frage:
> Es ist heutzutage komisch: Du schaust in den Himmel, und siehst dort
> manchmal mehr Sateliten als Sterne. Eigentlich sollte der Himmel sehr,
> sehr fern sein, aber wenn einer dieser Sateliten ausfällt, hast du
> plötzlich keinen Fernseh-Empfang mehr. Distanz und Nähe liegen oft ganz
> nah beieinander. Was war Dein bemerkenswertestes Erlebnis von Nähe und
> Distanz?
Da kann ich nur ganz allgemein sagen: ich finde die entwicklung, dass die distanzen immer weniger wichtig
werden folgerichtig und leicht zu verstehen. Computer haben mein denken und arbeiten dahin gebracht, wo sie
hingehören.
Ekimas, mitte mai 2009
Wolfgang Weigel, Münster, 25.03.2008
Nachdem der traditionelle Musik-Kultur-Betrieb unter heutigen sozio - ökonomischen Bedingungen, dank
einer funktionierenden Massenmedienindustrie und dank begnadeter Event-Produzenten immer mehr zum
Betreiber von Mac-Music degeneriert, ist es an der Zeit, sich nach neuen Schauplätze und alternativen
Begegnungsforen zwischen Sendern und Empfängern umzusehen.
Die traditionelle Prämisse von Kunstrezeption war, daß der Umgang mit derselben Begegnungen zwischen
Sender und Empfänger voraussetzt, die im gegebenen Falle eines Ereignisses zugleich auch reziprok wirken
kann, daß dieser Prozess also einen Austausch darstellt, der die geistige Mitarbeit, i.e. das Mitdenken des
sog. Empfängers impliziert.
Das Projektkonzept sozialpalast-mobil neigt sich hier eher einer Art des Voyeurismus zu, einem Publikum,
das zunächst 'außen' bleibt, passiv ist, während dessen die Akteure 'innen' und aktiv sind. Durch die
Durchflutung der Ebenen jedoch hebt sich eine genaue Definition von Außen und Innen selber auf: wer
agiert, wer rezipiert?
Der Wohnwagen ist zugleich Symbol für den grundlegend hermetischen, neoromantischen Charakter von
Kunst heute: nicht der Geschichtenerzähler auf dem Basar, der 'öffentliche' Mensch, sondern der originelle,
in den Kokon seiner Kunstexistenz eingesponnenen Akteur, dessen 'Ausscheidungen' eine anonyme
Außenwelt konsumieren kann, ist das realistische Abbild der Gegenwartskunst. Durch den kleinen Kniff des
Kameraeinsatzes jedoch fällt Produktion und Selbstbespiegelung der Artisten zusammen und ist somit in
einem absurden doppelten Echo gefangen. Signifikanter kann man die Kunstgegenwart nicht darstellen. Wir
erwarten Netrebko & Villazón im Wohnwagen zu einem Puccini Tête à tête mit integriertem, jugendfrei
inszeniertem Beischlaf, gefilmt und projiziert durch RTL und moderiert von Gottschalk & Bohlen, gesponsort
von HARIBO.
Solange werden wir gerne dem ALMA CHURCH CHOIR und seinen Gästen lauschen.
Im Ernst: der Kunst - Wohnwagen des Projektes sozialpalast-mobil gleicht dem guten alten Imbisswagen mit
Pommes, Brat- und Currywurst. Alle Produkte bodenständig, aus eigener Produktion, mit Phosphat aber
ansonsten gesund, angemessenes Unterhaltungsprogramm durch erfahrene
Entertainerinnen/Verkäuferinnen - im Preis inbegriffen. Wer einmal bei CURRY 36 am Mehringdamm Berlin/
West oder bei Konnopke auf dem Prenzelberg in Berlin/Ost genossen hat, ist für alle anderen Arten
populärer Gastronomie auf immer verloren. So mag der sozialpalast-mobil Wohnwagen in Zukunft ähnliche
Bedürfnisse ebenso gefällig und unvergesslich befriedigen wie vorgenannte Etablissements und für den
Konsum von o.g. Kunst-fastfood resistent machen.
Ich unterstreiche: ich gehe in jedem Falle zur Currywurstbude!
Wolfgang Weigel, Münster, 25.03.2008
phone_3: +49 175 7545160
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sozialpalast.de/kunst
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