Tragödie in vier Akten von Nicolas-François Guillard
Iphigenies tragische Geschichte aus dem Sagenkreis des Trojanischen Krieges ist ein oft adaptiertes Sujet in Schauspiel und Oper. Es spiegelte am Beginn unserer Zivilisation eine Kernfrage wider, nämlich ob Menschenopfer eine heilige, von den Göttern angeordnete Pflicht sind oder eine barbarische Praxis, die es zu überwinden gilt.
Während in Goethes bekannter Version von 1779 die Priesterin Iphigenie den taurischen König Thoas überzeugen kann, den »blutigen Dienst« aufzugeben, ist die gleichzeitig in Paris uraufgeführte Oper von Gluck weniger ...
Iphigenies tragische Geschichte aus dem Sagenkreis des Trojanischen Krieges ist ein oft adaptiertes Sujet in Schauspiel und Oper. Es spiegelte am Beginn unserer Zivilisation eine Kernfrage wider, nämlich ob Menschenopfer eine heilige, von den Göttern angeordnete Pflicht sind oder eine barbarische Praxis, die es zu überwinden gilt.
Während in Goethes bekannter Version von 1779 die Priesterin Iphigenie den taurischen König Thoas überzeugen kann, den »blutigen Dienst« aufzugeben, ist die gleichzeitig in Paris uraufgeführte Oper von Gluck weniger vom Weimarer Ideal der Fürstenerziehung geprägt als von psychologischem Realismus. Hier ist Thoas ein angstgeschüttelter, irrationaler, fast tragikomischer Diktator. Weil er an eine Prophezeiung glaubt, nach der ihm der Tod durch einen Fremden droht, lässt er ausnahmslos alle, die auf seiner Insel stranden, auf dem Altar schlachten.
Glucks Musik drückt in einpeitschenden Militärrhythmen den Blutdurst von Thoas Gefolgsleuten aus, aber auch die Seelenqualen der Oberpriesterin Iphigenie und ihrer Gefährtinnen, die zu den Morden gezwungen werden. Sie tut das nicht nur in berühmt gewordenen Arien und Chören, sondern auch in einer entfesselten Sturmmusik, die schon in der Ouvertüre das Publikum in den Bann der Geschichte zieht. Besonders wirkungsvoll spitzt Gluck den dramatischen Konflikt der beiden Freunde Orest und Pylades, die sich jeder für den anderen opfern wollen, zu.
Die großen Gefühle der traumatisierten Figuren haben seit über 2000 Jahren nichts an Aktualität eingebüßt. Was Glucks zeitlose Musik ausspricht, wird mit den Mitteln des Theaters verdeutlicht, angefangen mit der seelischen Verwundung des Orest, der wegen Muttermordes von den Erinnyen verfolgt wird, bis zu dem verzweifelten Aufbegehren der Iphigenie gegen die Perversion ihres Götterkultes. So können heutige Menschen über die historischen Abgründe hinweg jene leidenschaftliche Sehnsucht nach einer humanistischen Gesellschaft hautnah erleben.
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