Dein Kuss von göttlicher Natur
Regie: Uli Aum&
Wer war Perotinus magnus? Ob, wann und wo genau er gelebt hat, wissen wir nicht. Irgendwann um 1200 – und wahrscheinlich hatte er irgendwie etwas mit der gerade neu erbauten Kathedrale von Nôtre-Dame in Paris zu tun. Und wir wissen, dass er ein Revolutionär war, dass die Musik, die er komponierte, eine Größe und eine Schönheit hatte, die das Musizieren in Europa insgesamt auf neue Beine stellte. Mit Perotin beginnt die europäische Musikgeschichte. Seine vierstimmigen Vokalkompositionen haben die gleiche Bedeutung wie die mechanische Uhr, die etwa zur gleichen Zeit erfunden wurde – und die das Wesen europäischer Kultur seither entscheidend prägte. Dabei hängen beide Erfindungen – die der Uhr und der Vokalpolyphonie - auf das engste zusammen. Vielleicht hat Perotin mit seiner Musik einen neuen Zeitbegriff in die Welt gesetzt, der die mentale Grundlage war für die Idee, das mechanische Räderwerk als Instrument der Zeitmessung zu nutzen.
Warum aber handeln die meisten Texte, die Perotin in seinen durchweg liturgischen Gesängen vertonte, nicht von Gott und der Welt, sondern immer wieder von Maria und ihrer jungfräulichen Empfängnis? Hat das eine mit dem anderen etwas Gemeinsames, die Zeitmaschine und der Mythos der Gottesmutter?
Ganz abgesehen davon, dass Perotins Musik wegen ihrer Konzentration und überwältigenden Schönheit auch den heutigen Hörer (und bei weitem nicht nur den musikalisch ausgebildeten) in ihren Bann zu ziehen versteht, und uns mit dem Hilliard-Ensemble das zur Zeit berühmteste und kompetenteste Ensemble für diese Art von Musik zur Verfügung stand, versucht dieser Film mit den technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts, einer zeitgenössischen Filmsprache, einen Teil der Wirkung zu rekonstruieren, den diese Musik auf die Hörer des 12. und 13. Jahrhunderts ausgeübt haben muss.
Keine leichte Aufgabe, ist doch der Mythos der jungfräulichen Empfängnis vor allem nur mehr als eine Ausgeburt sexuell überspannter Männerhirne in Erinnerung geblieben. Aber dadurch erklärt sich nicht seine Faszination für das gesamte Mittelalter. In unserem Film bedienen wir uns vor allem zweier Mittel: Der Kirchenraum, in welchem die Hilliards Perotins Musik interpretieren, wird im Verlauf des Films mehr und mehr mit einer aufwendigen Choreographie aus Licht ausgestaltet, an den Wänden und Kuppeln entstehen animierte Fresken, Kathedralen aus Licht im Raumkörper der Kirche, deren Bildinhalte und Farbigkeit mit den Texten und Klängen der Perotinschen Lieder in engem Zusammenhang stehen. Das Thema des Lichtes als Trägersubstanz des göttlichen Geistes ist in der Architektur der gotischen Sakralbauten grundsätzlich formprägend, wird von uns also nur weiter ausgesponnnen und dem heutigen Zuschauer hierdurch nachvollziehbar.
Zweites Thema ist der Tanz, eine von ekstatischen mittelalterlichen Marien- resp. Derwischtänzen inspirierte Choreographie von Johann Kresnik, der Tanz zweier Frauen, einer schwarzen und einer weißen Maria, die es sich in den Kopf gesetzt haben, den Heiligen Geist zu verführen, eine Liebesgeschichte zu entfachen zwischen Himmel und Erde.
Beide Geschichten, die Kathedrale aus Licht und die Inszenierung des Tanzes werden am Ende des Films zusammengeführt, der Tanz wird projiziert an die Decken und Wände der Kirche, ihr Raum verwandelt in einen tanzenden Körper aus Licht. Wenn man bedenkt, dass jede Kirche einen menschlichen Körper symbolisiert, den Körper Christi und den Körper der Frau, die ihn geboren hat, dann unterstreicht auch diese Passage des Films nur einen Aspekt des Mythos, der in der Architektur der Kirchenbauten bereits Stein geworden ist. Und die Musik ist nur ein Teil dieser gesamten Inszenierung.
Der Film „Dein Kuss von göttlicher Natur“ von Uli Aumüller umkreist das Phänomen Perotin: Einerseits eine in cineastischen Bildern schwelgende Inszenierung seiner Musik, interpretiert vom Hilliard-Ensemble, anderereits eine leidenschaftlich debattierende Runde von vier Experten. In Rede und Gegenrede versuchen sie die verschiedensten Aspekte unseres bruchstückhaften Wissens über das Mittelalter und Perotin zusammen zu setzen. Eine Art Puzzlespiel und zugleich ein Labyrinth an authentischen Schauplätzen (v.a. Dom zu Schleswig, St. Petri-Kirche in Lübeck). Und zum Dritten erleben wir Johann Kresnik, wie er die jungfräuliche Empfängnis als choreographisches Theater darzustellen versucht, mit und zur Musik des Perotinus magnus. Bis zum abschließenden Höhepunkt des Films werden alle drei Erzählstränge (wie die 7 mittelalterlichen Künste und Wissenschaften) miteinander verwoben, sich gegenseitig beleuchtend und erhellend. Und es stellt sich heraus, wie überraschend modern das Mittelalter insgesamt, wie zeitgenössisch Perotin insbesondere war. Unser ZEITgenosse Perotin also.
mehr