kultur datenbank

Suche

Ein Projekt von:

VERANSTALTUNGEN KULTURSCHAFFENDE Bildende Künstler Musiker Theaterschaffende Filmschaffende EINRICHTUNGEN VIDEOTHEK DIE KULTURDATENBANK DAS NETZWERK GO MOBILE DATENSCHUTZ HOME
PARTNER NEWS
Industriekultur in NRW
Orte, Veranstaltungen, Links und jetzt neu: die Industriegeschichte der Regionen weiter
 

Suchen
EmpfehlenEmpfehlen
DruckansichtDruckansicht
BearbeitenBearbeiten
ewigkeit.culture...
Elke Panke
Literatur
Autorenlesung "Glück"
DO, 21. März 2019, 19 Uhr
Dorf-Café Friesen,
Am Jungbornpark 232 , 47445 Moers
Eintritt: 10 €, Anmeldung/Info: 02841/8871670

Ein kurzer und einmaliger (!) Ausflug in die Krimiwelt!

Rot, Schwarz, Tot

Ein Kurzkrimi für Gerd, der einen schwarzen Pick-Up fährt, und der kein Serienmörder ist …

Er hatte sie beobachtet. Wochenlang, und er kannte mittlerweile ihre Gewohnheiten, wusste wann sie morgens das Haus verließ und wann sie abends zurückkehren würde. Er wusste, wo die rothaarige Johanna Jordan, von ihren Kolleginnen und Kollegen liebevoll JoJo genannt, arbeitete, nämlich als Volontärin bei der Morgenpost. Sie war für die Anzeigen zuständig. Manchmal durfte JoJo kurze Artikel über den örtlichen Kaninchenzuchtverein, die Schrebergartensiedlung oder den Stadtmarathon schreiben. Und einmal war sie dabei, als ihr Chef ihn interviewte. Da hatte er sie das erste Mal gesehen. Sie besaß alles, was ihn anmachte: Jugend, rotes Haar, eine Prise Respektlosigkeit, und sie war allein auf der Welt … keine Eltern, keine Geschwister, keinen Freund - abgesehen von einigen Freundinnen und Freunden, doch die störten ihn kaum bei seinen Vorbereitungen. Alles eine Frage der Zeit … und der Planung.
Er grinste und leckte sich genüsslich über die trockenen Lippen: Schade, dass du deine eigene Todesanzeige nicht mehr wirst lesen können, wenn ich mit dir fertig bin!
Er lachte leise und spürte seine anschwellende Erregung. Nicht jetzt, meine Schöne … heute Abend! Er lachte wieder sein raues Lachen, wobei er seine Lust mit wenigen schnellen Strichen stillte.
Sein Handy klingelte. „Hallo Martha, was kann ich für Sie tun?“, fragte er gut gelaunt. Martha war seine Haushälterin. Sie hatte schon den Haushalt seiner Eltern besorgt.
„Guten Morgen, Herr Professor! Meine Enkeltochter, die Tessa, hat Zahnschmerzen. Ich muss mit ihr zum Arzt, und meine Tochter doch heute zum Vorstellungsgespräch. Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich statt heute, morgen Nachmittag zu Ihnen komme?“ Martha räusperte sich: „Ich backe Ihnen auch einen Gugelhupf, den mögen Sie doch so gern!“
Der Professor rückte seine moderne Hornbrille zurecht und lächelte: „Liebste Martha, selbstverständlich geht Tessa vor. Meine schmutzige Wäsche hat noch bis morgen Nachmittag Zeit!“
Martha seufzte erleichtert: „Danke, Herr Professor, bis morgen also!“
Er mochte seine Arbeit an der ortsansässigen Uni - und seine Studenten, besonders die Studentinnen. Allerdings bevorzugte er die Rothaarigen unter ihnen. Zwei von ihnen waren völlig unbedarft zu ihm in den schwarzen Pick-Up gestiegen, ohne auch nur im Entferntesten zu erahnen, was der sympathische, unkonventionelle Literaturprofessor Gerd Bosinsky im Schilde führte. Ihre Leichen hatte er jeweils nachts im Wald vergraben, nicht ohne ihnen vorher die Augen auszustechen, sie zu skalpieren und ihre roten Mähnen als Trophäen im Keller seines Hauses zu verstecken. Die dritte im Bunde, eine Schuhverkäuferin, hatte Mätzchen veranstaltet, als er ihr den Knebel in den Mund schieben wollte. Sie war ziemlich stark gewesen und hatte nach ihm getreten. Nun ja, seine Faust hatte sie in das Reich der Träume - er lachte gehässig - der Alpträume geschickt.
JoJo freute sich auf ihren Feierabend. Die Redaktionsbesprechung hatte viel länger gedauert als erwartet. JoJo war gerade dabei, ihre Sachen zusammenzupacken, als Matthias ihr auf die Schulter tippte: „Na, wie wär’s? Noch einen Absacker im Salto?“ JoJo rümpfte die Nase: „Nee, so wie ich dich kenne, wird aus dem einen Absacker mehr, als ich vertragen kann, und ich muss morgen sehr früh raus. Frag doch Bert. Der sieht so aus, als könne er nach der Verbalattacke vom Chef ein paar Drinks vertragen.“ Matthias zuckte die Schultern: „Wer nicht will, der hat schon. Schönen Abend noch, und lass den bösen Watzmann nicht rein!“ Matthias lachte unbekümmert: „Bis morgen!“
Als JoJo das Gebäude verließ, fühlte sie sich unbehaglich. Seit Wochen hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. „Ach was, das sind nur die Nerven. Ich müsste mal wieder Urlaub nehmen!“, schalt sie sich.
JoJo stellte den Mantelkragen hoch und zog den Schal fester um ihren Hals. Verflixt kalt heute Abend, dachte sie frierend und lief mit schnellen Schritten die kurze Strecke bis zu ihrer Wohnung. Etwa 30 Meter vor ihrer Wohnung angekommen, verlangsamte sie ihre Schritte und wühlte in ihrer Handtasche nach dem Schlüsselbund. „Hab ich dich endlich!“, seufzte sie und beschleunigte wieder ihre Schritte bis zur Haustüre.
Bosinsky stand plötzlich wie aus dem Nichts hinter JoJo und drückte ihr seine Hand auf den Mund: „Keinen Pieps, sonst bis du tot!“, zischte er. Er riss sie zu sich herum und schlug ihr mit dem Handrücken ins Gesicht. Für drei, vier Sekunden wurde ihr schwarz vor Augen und sie taumelte leicht, aber dann hob Bosinsky langsam seine Hand, in der ein gebogenes Messer aufblitzte.
Mit vor Schreck geweitetem Blick schaute sie in seine kalten, wasserblauen Augen. Er leckte sich schlürfend die Lippen und grinste: „Vorwärts, los. Um die Ecke steht mein Pick-Up“, befahl er mit heiserer Stimme und trieb sie vor sich her. Auf dem Weg zu seinem parkenden Pick-Up stolperte JoJo jedoch über einen dicken Ast, der mitten auf dem Gehweg lag, und auf den sie nicht geachtet hatte. Und prompt fiel sie der Länge nach hin. Bosinsky fluchte: „Steh sofort auf, du Schlampe, sonst …“.
„Bully … Bul-ly!“ JoJos Nachbar Paul bog um die Ecke. „Hi, JoJo! Was tust du da auf dem Boden?“ Er wollte ihr gerade aufhelfen, als der Mann ihn scharf zurechtwies: „Lassen Sie das bitte! Ich helfe meiner Verlobten selbst auf die Beine. Suchen Sie lieber Ihren Hund, bevor ihm etwas passiert!“
Paul lächelte: „Keine Sorge, Professor … Sie sind doch Professor Bosinsky, oder? Ich habe Ihr Foto kürzlich in der Morgenpost gesehen und so bei mir gedacht: Mann, sieht der gut aus!“ Paul lachte wieder: „Na, wollen Sie Ihrer Verlobten nicht aufhelfen, Herr Professor?“ Bevor er sich zum Gehen wandte, tippte Paul zum Gruß mit zwei Fingern an seine Wollmütze: „Schönen Abend noch … Bul-ly!“
Bosinsky atmete erleichtert auf und kehrte Paul den Rücken zu. Gerade als er JoJo hochziehen wollte, traf ihn der Tritt an seinen Kopf mit voller Wucht von hinten. Mit einem kurzen Ächzen stürzte Bosinsky vornüber zu Boden.
„Bist du in Ordnung, JoJo?“, fragte Paul. Er half seiner Nachbarin behutsam auf die Beine und drückte sie an sich. Jojo nickte: „Als ich dich sah, Paul … lieber Paul …. da wusste ich … alles wird gut!“ Sie drückte sich noch enger an seine Brust und ließ den zurückgehaltenen Tränen ihren Lauf. In diesem Augenblick waren sie von Polizeiautos, blinkendem Blaulicht und viel Tatütata umgeben.
Von Paul erfuhr JoJo später, dass Professor Bosinsky letzten Monat versucht hatte, sich einer Studentin, Dorothea, massiv sexuell zu nähern. Das rothaarige Mädchen hatte aus Scham und Angst geschwiegen … wer würde ihr schon geglaubt haben? Der gut aussehende Professor hätte doch an jeder Hand zehn Mädchen haben können. Dann war Dorothea plötzlich das Verschwinden der beiden rothaarigen Studentinnen eingefallen. Sie brachte den Vergewaltigungsversuch und das spurlose Verschwinden ihrer beiden rothaarigen Kommilitoninnen in Zusammenhang und war zur Polizei gegangen.
Paul als Leiter der Mordkommission ließ den Professor von da an rund um die Uhr beschatten. Und dass seine junge Nachbarin, JoJo, mit ihrem roten Lockenkopf, womöglich bereits ins Visier des Killers geraten war, hielt er für denkbar. Also ließ er JoJo ebenfalls überwachen. An jenem Abend war er von seinen Kollegen angefunkt und darüber informiert worden, dass sich Bosinsky seine Nachbarin geschnappt hatte. Also hatte er den ahnungslosen Nachbarn gemimt. Sein Glück war gewesen, dass JoJo gewusst hatte, dass er, Paul, bei der Mordkommission arbeitete, keinen Hund mit Namen Bully besaß, und, ohne groß darüber nachzudenken, sich ruhig verhalten und mitgespielt hatte.
Paul lächelte schuldbewusst: „Du hast Recht, JoJo. Vielleicht warst du so etwas wie ein Lockvogel, du mit deinem roten Wuschelkopf. Allerdings hätte dir nichts passieren können, ehrlich. Solche Killer wie der Professor wollen ihre Opfer erst einmal quälen. Sie weiden sich an deren Todesangst, das heißt, sie töten niemals sofort!“
JoJo seufzte tief: „Wenn ich gewusst hätte, dass ich den Lockvogel spielen soll, hätte ich abgelehnt!“
Paul nahm sie in seine Arme: „Aber dann hätte ich dich vor dem Unhold nicht retten können. Und du könntest nicht aus erster Hand darüber berichten.“ Er lächelte.
JoJo lehnte sich an ihn: „Bist du sicher, dass er für den Rest seines Lebens eingesperrt bleibt?“ Paul nickte und streichelte ihren Rücken: „Der kommt nie mehr frei. Nach Verbüßung einer lebenslangen Haftstrafe kommt er in die Sicherheitsverwahrung.“
JoJo seufzte wieder: „Gottseidank. Und der Typ hat wirklich gesagt, dass er nur mir alles anvertrauen wird … alles … auch warum er getötet hat, und dass ich, quasi als Anfängerin, seine Lebensgeschichte exklusiv in der Morgenpost schreiben soll?“
Paul drückte sie fest an sich: „Genau das hat er. Glückwunsch!“

Bosinsky saß in seiner Zelle. Die Einzelhaft machte ihm nichts aus. Er grinste und leckte sich über die spröden Lippen: „Morgen krieg ich dich, du Schlampe. Du kennst jetzt meine Lebensgeschichte. Aber das Ende …“. Er kicherte wirr vor sich hin: „Das Happy End schreibe ich, meine Schöne. Wie sehr werde ich deinen Anblick mit dem Kugelschreiber in deinem schlanken weißen Hals genießen …“. Er fasste sich in den Schritt: „Und wie dein hellrotes Blut herausspritzt. Dein ungläubiger Blick, dein Röcheln … herrlich!“ Er atmete schwer, keuchte und lächelte süffisant mit zittrigen, geschlossenen Augenlidern, als sich seine Erregung in einem unkontrollierten Zucken entlud.

© Elke Panke

Jahrgang 1957, lebt in Moers. Erste Geschichten mit 12 Jahren, angeregt durch die Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert. Seit dem Jahre 2000 erfolgreiche Lesungen, Veröffentlichungen in Zeitungen sowie Interviews (Bürgerfunksendungen), Radio Kreis Wesel, Literaturpreis. Mit Kopf und Herz widmet sie sich den vielgestaltigen Aspekten des Lebens. Auf die Frage, woher sie ihre Inspiration für ihre Geschichten erhalte, antwortet Elke Panke: „Wer mit offenen Augen durchs Leben geht, fühlt sich überall und jederzeit inspiriert. Ich schreibe, weil mich Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit zutiefst erschrecken, und wenn die eigene Bequemlichkeit oberste Priorität besitzt, finde ich das überaus beängstigend. Aber das Leben ist ein Wunder – und Menschen sind wundersam.“

2000 Literaturpreis, Rheinberg
Veröffentlichungen in Zeitungen etc.
Interviews Bürgerfunk, Radio Kreis Wesel